Corona-Studie: Auswirkung von sozialer Distanz auf die Ausbreitung

COVID-19: Wie stark wirkt sich die Distanzierung auf das Erkrankungsrisiko aus?

Ein Forschungsteam veränderte ein für Influenza entwickeltes Modell, sodass es zur Berechnung der Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 genutzt werden kann. So kann beispielsweise berechnet werden, wie sich das Virus in einer Metropole wie Singapur oder Wuhan ausbreiten könnte und welche Effekte bei Maßnahmen wie der sozialen Distanzierung zu erwarten sind.

Mithilfe einer Modellrechnung versuchten internationale Forschende den Effekt von Gegenmaßnahmen zu quantifizieren, die zur Eindämmung von SARS-CoV-2 unternommen werden. Die Studie wurde kürzlich in dem renommierten Fachjournal „The Lancet Infectious Diseases“ vorgestellt.

Schul- und Arbeitsplatzschließungen im Modell sinnvoll

Die Ergebnisse der Rechnung deuten darauf hin, dass die Schließung von Schulen und Arbeitsplätzen in Wuhan, China, die Zahl der COVID-19-Fälle verringert und den Höhepunkt der Epidemie erheblich verzögert hat, wodurch das Gesundheitssystem Zeit gewann, auf die Krise möglichst angemessen zu reagieren.

Warnung vor zweitem Höhepunkt

„Die beispiellosen Maßnahmen, die die Stadt Wuhan zur Verringerung der sozialen Kontakte in der Schule und am Arbeitsplatz ergriffen hat, haben dazu beigetragen, den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen“, erläutert Forschungsleiterin Dr. Kiesha Prem von der London School of Hygiene & Tropical Medicine, Grossbritannien.

Laut dem Modell müsse die Stadt jetzt darauf achten, dass die Maßnahmen zur physischen Distanzierung nicht vorzeitig aufgehoben werden, da dies in den Modellberechnungen zu einem sekundären Höhepunkt führen könnte. Wenn die Beschränkungen jedoch allmählich gelockert werden, könne dies wahrscheinlich den Höhepunkt sowohl verzögern als auch abflachen.

Viele unbekannte Faktoren

Die Autoren warnen jedoch auch davor, dass angesichts der großen Unsicherheiten bei den Schätzungen der Reproduktionszahl (wie viele Menschen ein Erkrankter wahrscheinlich infizieren wird) und der durchschnittlichen Infektionszeit einer Person, die tatsächlichen Auswirkungen der physischen Distanzierungsmaßnahmen auf die laufende COVID-19-Epidemie nicht genau vorhergesagt werden können.

Wie funktioniert das Modell?

In der Studie entwickelten die Forschenden ein Übertragungsmodell, um die Auswirkungen der Schul- und Arbeitsplatzschließungen zu quantifizieren, wobei sie Informationen darüber verwendeten, wie oft sich Menschen unterschiedlichen Alters an verschiedenen Orten miteinander vermischen.

Anhand der neuesten Daten über die Verbreitung von COVID-19 in Wuhan und dem übrigen China unter Berücksichtigung der Anzahl der Kontakte pro Tag nach Altersgruppen in Schule und Beruf verglichen die Forschenden die Auswirkungen von drei Szenarien:

  1. Keine Interventionen sowie keine Feiertage und Ferien (hypothetisch).
  2. Keine Interventionen mit normalen Feiertagen und Schulferien.
  3. Intensive Interventionen mit Schul- und Arbeitsplatzschließungen sowie physische Distanzierung. Zudem wurde im dritten Szenario die Unterschiede durchgespielt, wenn die Aufhebung der Interventionen abrupt oder in gestaffelter Weise erfolgt.

Die Kurve konnte im Modell abgeflacht werden

Die Analysen deuten darauf hin, dass die normalen Schulferien und Feiertagen wenig Einfluss auf den Verlauf des Ausbruchs gehabt hätten, wenn Schulen und Arbeitsplätze wie üblich geöffnet wären. Die Einführung extremer Maßnahmen zur Verringerung der sozialen Kontakte in der Schule und an den Arbeitsplätzen konnte jedoch im Modell die Fallzahlen und den Umfang des Epidemie-Höhepunkts verringern und gleichzeitig den Höhepunkt der Epidemie verzögern.

Die Auswirkungen dieser distanzierenden Maßnahmen scheinen je nach Alter unterschiedlich zu sein, wobei der Rückgang der Neuerkrankungen bei Schulkindern und älteren Menschen am stärksten und bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter am geringsten zu sein scheint. Sobald diese Interventionen jedoch gelockert werden, sei mit einem erneuten Anstieg der Fallzahlen zu rechnen.

Die wirksamste Methode

Die Ergebnisse der Analysen deuten darauf hin, dass Maßnahmen zur physischen Distanzierung am wirksamsten sind, wenn die Rückkehr zum Arbeitsplatz und in die Schule gestaffelt beginnt. Diese Methode konnte die Anzahl der Neuinfektionen im Modell bis Ende 2020 um 24 Prozent senken und einen zweiten Höhepunkt bis Oktober hinauszögern.

Ergebnisse lassen sich nicht eins zu eins in die Realität übertragen

„Unsere Ergebnisse werden in einem anderen Land nicht genau so aussehen, weil die Bevölkerungsstruktur und die Art und Weise, wie die Menschen sich mischen, anders sein werden“, gibt Co-Autorin Dr. Yang Liu zu bedenken. Dennoch sei wahrscheinlich überall ein deutlicher Effekt durch physische Abstandsmaßnahmen zu erwarten. Die Studie unterstreicht, dass auch die Art und Weise der Aufhebung der Maßnahmen eine entscheidende Rolle auf den weiteren Verlauf der Pandemie nehmen kann.

Studie könnte wichtig für politische Entscheidungen sein

Dr. Tim Colbourn vom University College London kommentiert die Studie folgendermaßen: „Die Studie von Kiesha Prem und dem Team von The Lancet Public Health ist für politische Entscheidungsträger überall von entscheidender Bedeutung, da sie die Auswirkungen einer Ausweitung oder Lockerung der Kontrollmaßnahmen auf körperliche Distanz auf den Ausbruch der Coronavirus-Krankheit (COVID-19) in Wuhan, China, aufzeigt.“

„Angesichts der Tatsache, dass viele Länder mit zunehmenden Epidemien nun möglicherweise vor der ersten Phase der Abriegelung stehen, müssen sichere Wege aus der Situation gefunden werden“, resümiert der Experte. (vb)

Autor:
Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek

Quellen:
  • Kiesha Prem, Yang Liu, Timothy W Russell, u.a.: The effect of control strategies to reduce social mixing on outcomes of the COVID-19 epidemic in Wuhan, China: a modelling study; in: The Lancet Infectious Diseases, 2020, thelancet.com
  • The Lancet Public Health: Modelling study estimates impact of physical distancing measures on progression of COVID-19 epidemic in Wuhan, (veröffentlicht: 25.03.2020), eurekalert.org

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

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